Marmor, Stein und Eisen bricht,
Flower-Power nicht
Viele Erinnerungen und neue Ideen beim Eichkamp-Treffen Ende Mai 2011
„Freunde sehen, zurückblicken: Ich bin sehr
glücklich,
hier zu sein. Eichkamp ist die Jugend, das emotionalisiert.“
Atilla Berker drückt aus, was viele fühlen an diesem
Mai-Wochenende am Rande des Grunewalds. Und da darf auch schon mal eine
Träne fließen, wenn die Erinnerungen aufflammen.
Atilla,
Chef einer Hotelanlage in seiner türkischen Heimat, ist mit
Frau
Angela nach Berlin gekommen, um mit ehemaligen Mitbewohnern des
Internationalen Studentenheims Eichkamp zusammen zu sitzen und zu
klönen.
„Etwas über hundert“ Teilnehmer
begrüßt
Axel Mühlthaler zum offiziellen Auftakt am Samstag. Um gleich
hinzu
zu fügen, dass es beim vorangegangenen Treffen doppelt so
viele
waren. „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass
wir ein
Auslaufmodell sind.“ Seine Erfolgsmeldung: Alle 250 Exemplare
der
damals aktuellen Chronik wurden
verkauft. Und die Geschichte des
selbstverwalteten Studentenheims im Grünen ist jetzt auch in
der
Deutschen Nationalbibliothek vertreten! Gemeinsame Reisen von
Alteichkampern in die Heimatländer ehemaliger Mitbewohner
beweisen
nach Axels Worten: „Der Eichkamper-Geist spielt noch immer
eine
große Rolle.“

Dass dieser Geist wiederbelebt wird und demnächst vielleicht
eine
neue Rolle in der Berliner Uni-Landschaft spielt, zeigt die
Präsenz junger, engagierter Studenten aus Eichkamp, die dort
eine
neue Selbstverwaltung aufziehen wollen. Beim Mai-Treffen diskutieren
sie mit den Alten, wollen wissen, wie es damals gemacht wurde, wollen
mehr Gemeinschaft in der nach wie vor idyllischen Wohnanlage, Heimstatt
für derzeit 460 internationale Studenten. Die
23-jährige
Julia berichtet, dass sich ihr deutscher Vater und ihre polnische
Mutter in Eichkamp kennen gelernt haben und sie schon aus
familiärer Tradition hier wohnt. Das Studentenwerk, so meint
sie,
sei froh, „wenn wir hier die Selbstverwaltung
wiederbeleben“. Sogar der legendäre Bierkeller soll
reaktiviert werden.
Bei diesem Thema gibt es kein Halten mehr unter den Alten. Jeder
weiß eine Story zu erzählen, was da so alles
passierte -
multikulti. Abgeschnittene Haare seien versteigert worden, berichtet
Eren Sagay im Istanbul-T-Shirt. „50 Mark gab es für
eine
Glatze.“ Man tröstete den Stubenkumpel, der
außer sich
war nach einem Barbesuch in der Augsburger Straße, weil die
dortigen Frauen keine Frauen waren. Auf Erens Flur stieg die Wette: Wer
bringt das originellste Stück mit. Eine geklaute
Polizeimütze
musste sich gegen Stühle aus dem Café Kranzler
behaupten.

Schwarzweiß-Fotos an den Wänden des Clubraums
beleben 2011
alte Erlebnisse. Und als Eckhart Bauer verwackelte, aber lustige Filme
nach dem Motto „Eichkamp in den Sechzigern“
vorführt,
muss immer wieder um Ruhe gebeten werden. Es ist ja soviel zu
erzählen an den langen Tischen... Eckhart, der Kunstprofessor,
hat
sich im wahrsten Sinne des Wortes in Eichkamp verewigt. Seine
hellblau-romantisch gemalten Ornamente der Flower-Power-Zeit haben die
Jahrzehnte überdauert und zieren noch immer den Sichtbeton
eines
Hauseingangs. Auch das Trapez, das Pavlo Tzivanakis einst in der Eiche
vor seinem Zimmer befestigt hatte, ist noch da. Stolz zeigt der Athener
Architekt den jungen Studenten, wie er sich damit von seinem Zimmer zum
Nachbargrundstück katapultiert hat – über
den Zaun.

Es sind der Geschichten viele, die die Runde machen. So mancher geht in
das Haus, an dem so viele Erinnerungen hängen. So mancher
wundert
sich, wie komfortabel jetzt alles ist. Doch damals haben sie nichts
vermisst, die Alteichkamper, sondern die Gemeinschaft genossen, die sie
hatten fernab der City West. 2011 hatte Bernd Ulrich aus Mexiko die
längste Anreise. Andere sind in Berlin hängen
geblieben oder
zurückgekehrt. Sie haben in alter Manier ein
Organisationskomitee
gebildet und das Treffen vorbereitet: Conny Albrecht, Henner
Bühring, Paul Janositz und Uwe Mohrmann. Sie haben gerechnet
und
eingekauft, einen Caterer fürs warme Büffet
organisiert,
Kaffee gekocht und ihre Frauen zum Kuchenbacken motiviert. So kann das
Fest am Sonntag mit einem kleinen Frühstück und einem
großen Familienfoto zu Ende gehen – im idyllischen
Grün, mit Sonnenschein und jungen Menschen, die einer guten
Tradition eine neue Zukunft geben wollen.
Suse
Weidenbach-Janositz
Ergänzung:
Das Berliner Organisationskomitee wurde
tatkräftig unterstützt und beraten von Eckhart Bauer,
Detlef
Joe Gerhardt und Ali Uras, der auch den ersten Kontakt zu dem
hervorragenden Caterer herstellte. Danke!
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